Nähen ungleich Nähen

Im letzten Jahr habe ich mein Business rund ums Nähen (lernen) und meinen Ansatz dahinter viel und oft auf den Prüfstand gestellt. Nicht zuletzt mit der Frage, wer denn überhaupt von jemandem wie mir Nähen lernen will, die ihre eigenen Oberteil- und Hosenschnittmuster noch nicht auf ihren eigenen Körper anpassen kann. Denn mein ultimatives Ziel ist es, Maßschneiderin zu sein und das weitergeben zu können. Das ist nichts, was man mal eben so erreichen kann. Als private Näherin, für mich, hab ich mich sehr lange hinterfragt, ob ich gut genug nähen kann, um es anderen beizubringen, und ob mein Können irgendjemandem ausreichen wird, um von mir lernen zu wollen. Und als dein Partner in Sewing Time habe ich mich oft dabei ertappt, mich wie eine Hochstaplerin zu fühlen.

Ich weiß, das sind Glaubenssätze, und die brauchen, bis sie sich lösen; nicht zuletzt auch Arbeit an uns selbst. Und sie verschwinden auch nicht von heute auf morgen. Aber neulich abends hat dieser Glaubenssatz einen enormen Riss bekommen. Und genau diesen Impuls möchte ich dir heute mitgeben.

Dieser eine Moment

An diesem Abend, auf dem Weg zu meiner Seite vom Bett, hat es klick gemacht – wie immer sind es einfach die alltäglichen Momente, in denen sich die Welt für einen ändert. Noch während ich mich zugedeckt habe, hab ich die Idee direkt festgehalten, und seitdem lässt sie mich nicht mehr los.

Warum „Nähen lernen“ so leicht klingt

„Nähen“ lernen klingt nicht schwer. Fünf Buchstaben, schnell getippt.

Woran denkst du, wenn die Rede davon ist, nähen zu lernen? Wenn du dich mit mir dazu austauschen magst, schreib mir gerne hier. Und sonst empfehle ich dir: Nimm dir mal was zum Schreiben und sortiere deine Gedanken. Schreib dir ungefähr fünf Stichpunkte auf, was es eigentlich heißt, nähen zu können.

Und was ist, wenn ich dir jetzt sage, dass auch Körper lesen, Bewegungszugabe verstehen und Schnitte digital am Computer zeichnen dazugehören? Ich wette, dass du da nicht direkt dran gedacht hast. Und ich bin mir ziemlich sicher, jetzt, da du es liest, denkst du dir „Stimmt, das gehört auch dazu“ oder vielleicht auch „Aber das ist ja was viel Schwierigeres als das, was ich mache“. Oh dear, that’s it! Beides kann zur selben Zeit wahr sein!

Was da eigentlich alles drinsteckt

Zwischen der ersten geraden Naht und dem maßgeschneiderten Kleidungsstück liegt eine ganze Menge. Und all das ist Nähen. Aber es teilt sich in Zweige. Let me show you the twisted ways my brain is wired!

In der Verarbeitung geht es darum, wie aus einzelnen Teilen ein fertiges Stück wird. Es geht darum zu lernen, was wie genäht wird, welche Teile zusammengehören und auch welche Stoffe, Verstärkungen, Vliese, Einlagen und sonstige Kurzwaren wie Knöpfe oder Dekoelemente du in welchem Fall nutzt. Stell dir vor, ich lege dir sechs Schnittteile aus Papier hin und du hast außer der Bezeichnung, um was für ein Teil es sich handelt, keine Angaben. Wenn du verarbeiten kannst, dann reicht dir das, sowohl bei einer Tasche als auch bei einem Kleidungsstück.

Bei der Schnitterstellung wird aus einer Idee ein Schnittmuster. Es gibt dafür verschiedene Methoden, zum Beispiel Konstruktion, Modellieren (das heißt das Abwandeln eines bestehenden Schnitts) oder Drapieren. Es geht darum zu lernen, wie du aus Körper- oder Produktmaßen ein Schnittmuster konstruierst, wie du Abnäher verlegst, Teilungsnähte setzt oder Weite dazugibst, und wo Nahtzugaben, Fadenlauf und Passzeichen hingehören. Dazu kann auch gehören, einen Schnitt in mehrere Größen zu gradieren oder ihn digital am Computer zu zeichnen. Wenn du Schnitterstellung beherrschst, dann kannst du die näh-fertige Schablone, das Schnittmuster, entwickeln.

Die Passform ist verantwortlich dafür, wie ein Kleidungsstück an genau diesem einen Körper sitzt. Sie berücksichtigt individuelle Merkmale wie Haltung, Asymmetrien und die Verteilung der Maße. Du lernst zu erkennen, was der Stoff dir sagen möchte in Bezug darauf, wo er noch nicht optimal an den Körper angepasst ist. Ein Kleidungsstück kann dir zwar passen, deshalb muss es noch lange nicht gut an dir aussehen oder bequem sein. Wenn du Passform gemeistert hast, kannst du für dich (und wahrscheinlich eine geraume Zeit später auch für andere) Kleidung individuell anpassen; sie wird dir „wie auf den Leib geschneidert“ sein.

Wer ändert und repariert, nimmt etwas, das es schon gibt, und bringt es wieder in Form. Es geht darum zu lernen, wie du Säume kürzt, kaputte Reißverschlüsse tauschst, aufgegangene Nähte und Risse flickst, aber auch, wie du re- oder upcyclen kannst. Wenn du Ändern & Reparieren im Griff hast, schenkst du Lieblingsstücken ein neues Leben, auch wenn sie nicht mehr passen oder kaputt sind.

made with skill & system: der Skill-Tree

Alle Zweige ziehen sich über mehrere Level, vom Neuling bis zur Meisterin. Und jedes dieser Level umfasst so viele einzelne Skills, die sich teilweise noch weiter zerlegen lassen. Wie das alles zusammenhängt, zeigt dir mein Schaubild:

Skill Tree Nähen: Schaubild mit den Grundlagen als Stamm und den Zweigen Verarbeitung, Schnitterstellung, Passform sowie Ändern und Reparieren über mehrere Level

Nicht umsonst heißt so etwas Skill Tree: Alles ist miteinander vernetzt und verZWEIGt. Du kannst von einem Level zum nächsten hüpfen, die Zweige kreuzen sich, und du kannst jederzeit auf einen vorherigen Zweig zurück und kommst trotzdem weiter voran.

Hast du deinen Zettel noch? Wahrscheinlich stehen da fast nur Punkte, die du auf dem Schaubild bei den Grundlagen findest. Die Grundlagen brauchen alle: Maschine einfädeln, gerade Nähte, Kurven, Versäubern, einen Reißverschluss einsetzen. Auf ihnen bauen alle anderen auf. Aber keiner sagt dir, dass hier das Nähen eigentlich erst so richtig losgeht.

Nähen ist wie Mathe

Und hier kommt meine Erkenntnis ins Spiel: Ich vergleiche das Nähen sehr gerne mit Mathe. Es gibt die Analysis, die Stochastik und die Geometrie. Für alles braucht man die Grundrechenarten; man muss rechnen können.

Mathe kann ich dann, wenn ich die Regeln und Grundrechenarten kenne (und befolge); das reicht. Ich kann aber auch dann (noch immer) Mathe, wenn ich Stochastik ohne mit der Wimper zu zucken runterbeten kann und dafür in Geometrie abkacke (also den Menschen will ich mal sehen, eher wäre es wohl andersherum, aber darum geht es ja gar nicht 🤭).

Beim Nähen ist es genauso. Die Grundlagen im Schaubild, also die Maschine zu bedienen, gerade Nähte, Kurven, Versäubern, das sind unsere Grundrechenarten. Passform ist eine komplett eigene Disziplin zur Konstruktion. Und für beides ist das Mittel einfach das Nähen. In dem Bild wäre Passform z. B. die Stochastik: für manches unerlässlich, aber es gibt auch ausreichend weite Anwendungsfelder, in denen sie überhaupt nicht relevant ist.

Was das für dich heißt

Für eine Tasche brauchst du Schnitterstellung und Verarbeitung, aber keine Passform, weil sie an keinem Körper sitzen muss. Und genau das hat für mich einen großen Einwand pulverisiert. Dass ich in Passform noch nicht da bin, wo ich hinwill, hat keine Auswirkung auf das, was ich bereits kann; ich bin deshalb weder schlecht als Näherin noch als Lehrerin!

Es hat mir einfach gezeigt, wo mein Fehler lag und ich hoffe, du kannst ihn auch sehen; auch bei dir, ihn einsehen und in Zukunft vermeiden:

Ich habe mich auf all das konzentriert, was ich nicht kann. Dabei habe ich vollkommen außer Acht gelassen, was ich bereits kann.

Auf meinem Schaubild oben stehen rund 6.800 Zeichen. Dabei handelt es sich nur um eine unvollständige Übersichtsdarstellung zur Veranschaulichung. Die eigentlichen Inhalte sind um ein Vielfaches mehr. Und diese Menge lässt sich nicht einfach mit fünf Tastenanschlägen zusammenfassen.

Ich bin mir sicher, dass du viel mehr kannst, als du im ersten Moment denkst. Mein Schaubild gibt es als interaktives PDF, da kannst du digital oder auf der ausgedruckten Version abhaken, was du bereits kannst und hast gleichzeitig einen Wegweiser für alles, was noch vor dir liegt. Trag dich dazu einfach in meinen Näh-Letter ein und ich sende dir nach der Bestätigung direkt die Datei zu.

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Und noch etwas möchte ich dir mitgeben:

Es ist mindblowing, dass im Grunde nur die Sprache und der immer schnellere Informationsaustausch solche Abwertung uns selbst gegenüber erzeugen können.
Weder ist Mathe gleich Mathe, noch ist Nähen gleich Nähen, und trotzdem benutzen wir dasselbe Wort; ob du einen Turnbeutel nähst oder ein Brautkleid an der Puppe drapierst.
Das sind so komplexe Themenfelder, die lassen sich gar nicht ansatzweise in kurze, schnelle Info-Snippets reinquetschen. Dabei fällt so viel wertvoller Inhalt einfach weg, und übrig bleibt eine total unrealistische Erwartung.

Deshalb mein Tipp für dich:

Achte mal darauf, wann das, was du sagst, nicht einmal im Ansatz das ausdrückt, was du eigentlich meinst. Beim Nähen und auch sonst. Schreib es dir auf, such dir eine Formulierung, mit der genau das rüber kommt, was du mitgeben willst, und geh den Dingen mal so richtig auf den Grund. Das kann lange dauern – but great things take time!

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